Christoph Bucher - Ausstellung, Bochum.2011      15.07.11 - 30.10.11

                                                                                                                     Fotos: Michael Korte

Der Künstler Christoph Bucher, 1973 in Luzern geboren war u.a. an Austellungen im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, der Kunsthalle Baden-Baden und dem Kunstverein Recklinghausen beteiligt. Zuletzt waren seine Arbeiten in einer Einzelausstellung im Schützenhof Bad Ems und der Ausstellung “Konstruktiv!” bei Beck und Eggeling in Düsseldorf zu sehen. Christoph Bucher lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Seine Arbeiten sind Tafelbilder im eigentlichen Sinne. Als Bildträger verwendet er Sperrholzplatten, auf die er in vielen Arbeitsgängen hauchdünne Schichten von Wasserfarbe aufträgt. Je nach Motiv wird der Farbauftrag an manchen Stellen verdichtet, während andere Flächen seltener übermalt werden oder ganz ausgespart bleiben. Gleich dem Entwicklungsprozess einer Fotografie, differenzieren sich mit jedem neuen transparenten Auftrag durch die Schichtung und Überlappung dunkle und helle Flächen, die das Auge als Formen, Strukturen und Dinge erkennt.

Christoph Bucher sucht nicht nach Motiven. Er malt die Dinge, die ihn umgeben: einen Passepartout, die zusammengelegten Reststücke der zugeschnittenen Holztafeln, die Rückseite des vorgefertigten Bildträgers, die Rosen in der Vase vor ihm auf dem Tisch. Oder er malt einfach Strukturen, Streifen, die sich aus der unterschiedlichen Überlappung der Malflächen ergeben. Der Malprozess lässt keine Korrekturen zu, wie sie etwa bei der Ölmalerei möglich sind. So erkennt auch Bucher das Bild erst, wenn es sich aus all den durchscheinenden Farbschichten heraus gebildet hat. Das Zufällige beansprucht in seinem Werk viel Raum. Auch die Maserung des Holzes wird, obwohl grundlegender Bestandteil seiner Malerei, nicht in die Bildkomposition mit einbezogen. Sie führt ihr eigenes Dasein. Je nach Standort und Blickwinkel des Betrachters erscheint sie mal als bestimmendes Moment, dann wieder verschwindet sie fast völlig aus dem Bildgeschehen.

Die Bildtafeln von Christoph Bucher erzählen keine Geschichten, sind nicht aufgeladen mit Bedeutungen, sie erheben mit ihren reduzierten Materialien Sperrholz und Wasserfarbe nicht einmal den Anspruch eines Gemäldes. Sie sind einfach sie selbst, entstanden aus dem Dialog mit dem Künstler.

Ursula Wiegand







Athina Ioannou - Quartetti      29.04.11 - 10.07.11


                                                                                                                                                                            Fotos: Michael Korte

In seinem Roman Das stille Mädchen stattet der dänische Schriftsteller Peter Hoeg, den meisten bekannt durch Fräulein Smilla, die Hauptfigur der Handlung, den Clown Kasper Krone mit einer besonderen Gabe aus:

'Gott die Herrin hatte einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart gestimmt, und Kasper konnte ihn heraushören. Am besten in den kurzen ungestörten Augenblicken, in denen sie schon in seiner Nähe waren, aber noch nicht ahnten, daß er lauschte.'...'Als sie ungefähr die Mitte des Hofes erreicht hatten, gewann Kasper einen ersten Eindruck von ihrer Tonart. Es war ein d-moll in seiner schlimmsten Form. Wie in der Toccata und Fuge in d-moll. Mächtige schicksalsschwangere Säulen aus Musik.'

Was Hoeg hier für das menschliche Individuum beschreibt, ein von jedem Menschen ausgehender unverwechselbarer Klang, eine eigene Tonart, wohnt auch Räumen inne. Als ich mit Athina Ioannou diese Ausstellung vorbereitete, beschrieb sie den Ausstellungsraum, ein entkerntes ehemaliges Toilettenhäuschen als violent, im Sinne von brutal und gewalttätig. Vieles zeugt in dem Raum noch von der Kraft und auch rohen Gewalt, die nötig war, um Wände und Sanitäreinrichtung heraus zu reissen. Noch liegen Spuren dieses Umbaus offen, grobe Mauerkanten, noch nicht wieder verputzt. Sie verleihen diesem Zwischenraum seinen eigenen Klang, VIOLENT.

Ioannous künstlerisches Eingreifen in den Raum geht von der vorgefundenen Situation aus. Elf Quartette sind sorgsam rundum in dem Raum platziert. In verschiedenen Gelbtönen leuchten die jeweils vierteiligen Leinwände freudig und warm in den Raum hinein. Die Leinwände hängen nicht wie sonst üblich direkt vor der Wand, sie sind deutlich einige Zentimeter abgerückt, distanzieren sich von den schmuddeligen Wänden mit ihren einschlägigen Graffities. In ihrer scheinbar nur temporären Installation erscheinen sie als Entwurf einer möglichen neuen Gestaltung. Gemeinsam formen die einzelnen Arbeiten ein Bild im Raum. Es erfüllt den Raum mit seiner eigenen Tonart, einem hellen, fröhlich lebendigen Klang, der mit dem ursprünglichen Raumklang in ein beziehungsreiches Spannungsfeld tritt. Je nach Standpunkt und Blick in den Raum verschieben sich die Klänge gegeneinander, verstärken sich oder heben sich in ihrer Gegensätzlichkeit auf.

Schon allein durch ihren Klang und die Leuchtkraft entwickeln die Quartetti in dem kleinen Raum eine sinnliche Präsenz, derer sich der Betrachter kaum entziehen kann. Darunter mischt sich der starke Geruch von Leinöl, mit dem die Künstlerin ihre Leinwände satt getränkt hat. Der Geruch erinnert an Malerateliers und alte Handwerkskunst. Ioannou bedient sich in ihrer Arbeit der Grundstoffe der Malerei, Leinwand, Farbe und Leinöl, um die Grundbedingungen des Bildes zu erforschen.

Die in Leinöl getränkte Leinwand wird transparenter, gibt durch die dem Betrachter zugewandte Seite eine, wenn auch abgeschwächte Durchsicht auf die Rückseite frei. Ein Blick auf einen Teil des Bildes, der dem Betrachter in der Regel nicht zugänglich ist. Zugleich verliert damit das Werk aber auch seine klare Zuordnung von vorne und hinten. Sind beide Bildflächen jeweils auch von beiden Seiten sichtbar, lässt sich nur noch schwerlich bestimmen, was eigentlich Vorder- und was Rückseite ist. Die Leinwand, als Untergrund der Malfläche sonst unter den Farbschichten des Gemäldes verborgen, wird hier selbst zur Schauseite, Malgrund und Oberfläche gehen ineinander über. Das fertig gestellte Werk ist hier kein Bild, sondern eher ein Diskurs über das Bild.

Parallel zu den Bochumer Quartetti stellt Athina Ioannou im Showroom der Düsseldorfer Modedesignerin Tina Miyake aus. Auch dort, wo über den Tag verteilt immer wieder Besucher, Bekannte und Freunde vorbeikommen und plaudern, hat sie dem Klang des Raumes gelauscht und zeigt dort eine Arbeit mit dem Titel: Petits Chorals – Kleine Choräle / Chöre.

Ursula Wiegand







Achim Zeman - LIQUID      19.11.10 - 27.02.11


                                                                                                                                                                            Fotos: Michael Korte

Böse Falle - Wer die Tür der Neonhalle, eines ehemaligen Toilettenhäuschens am Bergbaumuseum in Bochum hinter sich schließt, dem mag es ergehen wie Alice im Wunderland. Aus lauter Langeweile war sie gedankenlos dem seltsam anmutenden, sprechenden Kaninchen mit der Taschenuhr in den tiefen Bau gefolgt und hatte sich durch eine kleine Tür geschrumpft, um sich verwundert in einer anderen Realität wiederzufinden.

Kaum hat der Besucher die Tür des kleinen Häuschens hinter sich geschlossen, umschwirren ihn unzählige Strudel. Sie bestehen aus einer unendlichen Anzahl unterschiedlich großer, amöbenhafter Kleckse. Blau ziehen sie durch den Raum über Boden und Wände hinweg. Bis über Augenhöhe umkreisen sie den Betrachter und scheinen sich im Boden zu bilden. Oder entstehen sie doch irgendwo über ihm, um sich dann unter seinen Füßen zu einem Sog zu verdichten, der auch ihn gleich mit in die Tiefe zieht? Bedrohlich dicht umgibt ihn das seltsame Geschehen. Eine Orientierung fällt ihm schwer. Die Installation LIQUID von Achim Zeman stellt den Betrachter gleich vor mehrere Probleme. Was passiert hier um ihn und mit ihm? Die ihn umfliegenden blauen Spritzer erinnern an Wasser. Aber steigt es um ihn herum an oder fällt der Wasserspiegel? Als immanenter Teil der Installation kann sich der Betrachter weder horizontal, noch vertikal verorten. Zwar steht er auf einem Boden, aber ist das noch das Bodenniveau, auf dem er das Häuschen betreten hat? Oder befindet er sich auf dem Grund eines Wasserbeckens, das gerade geflutet wird? Der Wasserspiegel scheint über ihm zu liegen. Oder wohnt er nur einem freudigen Befreiungstanz des jahrzehntelang in geordnete Bahnen gezwängten Wassers bei? Und dreht sich eigentlich der Raum oder dreht sich der Besucher oder drehen sich gar beide?

Das ehemalige Toilettenhäuschen entstand zusammen mit der benachbarten Eisenbahnbrücke 1912 als Ergebnis eines städtebaulichen Architekturwettbewerbs. Mit einer von schweren Natursteinsäulen getragenen Arkadenhalle erinnert es an historische Zollhäuschen oder Stadttore. Das stille Örtchen wurde nicht versteckt, sondern repräsentativ in den Vordergrund gerückt. Bis 1993 blieb es in Gebrauch, heute sind die Sanitäranlagen und alle Trennwände entfernt, der Raum befindet sich in einem Zwischenstadium. Neben den durch den Umbau entstandenen grob behauenen Mauerkanten und einem neuen Bodenbelag finden sich auch noch bislang unveränderte Spuren der damaligen Nutzung. Überall zeugen Wasserzu- und abläufe von der früheren Funktion und die datierten Toilettengraffiti lassen nur erahnen, wie viele Nachrichten und Kommentare noch unter den vielen Anstrichen verborgen liegen.

Augenzwinkernd nimmt Zeman in seiner Installation LIQUID den vorgegebenen Ort und seine so vielfältigen Spuren auf und erschafft mit seiner malerischen Arbeit einen völlig neuen Raum. Ausgehend von den Wasseranschlüssen nehmen die Strudel ihren Weg durch den Raum, zwängen sich um Ecken und Mauerkanten. Über 4000 Folienkleckse füllen den Raum. Gleich einer Haut schmiegen sie sich mal eng in die Ritzen des grob behauenen Mauerwerks, ein andermal legen sie sich auf die glatte Fläche des neu gegossenen Bodens und betonen die durch die Interimssituation entstandene strukturelle Unterschiedlichkeit. Die reflektierende leuchtend blaue Oberfläche der Folie weckt die Assoziation an Wasserspritzer und verstärkt die scheinbare Bewegung. Die Form der einzelnen Kleckse erinnert an Comicsprechblasen und verweist auf die noch erhaltenen Graffiti an den Wänden.

LIQUID verwickelt den Besucher in ein ambivalentes Spannungsfeld zwischen Bedrohung und lustvollem Spiel. Irritiert und orientierungslos bleibt der Betrachter mit seinen Ungewissheiten zurück. Unversehens war er wie Alice in eine ihm fremde Welt geraten, die ihn durch ihre spielerische Verunsicherung daran erinnert, wie schnell unsere grundlegenden Gewissheiten, unsere so selbstverständlich angenommene Wahrnehmung von Realität erschüttert werden können. Wer weiss, ob er so einfach durch die Tür in seine gewohnte Welt zurück kann oder ob sich dahinter nicht eine weitere, bislang unbekannte Realität eröffnet.

Ursula Wiegand
















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